Mittwoch, 21. Dezember 2016

Musik, die bewegt – Teil 11

Mittwoch, 21. Dezember 2016:
Heute möchte ich einen ganz besonderen Song vorstellen und ins Gedächtnis rufen.
Mein Plan war, diesen Post am 29. November zu veröffentlichen, aber ich habe es schlicht und einfach vergessen.
Zu spät ist es dennoch nicht, denn Chris Rea fährt immer noch nach Hause und "Last Christmas" läuft im Radio in der Endlosschleife.
Weihnachten könnte so schön sein, wenn das Wörtchen "Wham!" nicht wäre.

Nun zurück zu dem Weihnachtslied, das Hunderttausende Leben gerettet hat: "Do They Know It's Christmas?" ist der erste Charity-Song der Musikgeschichte und appelliert 1984 an das Gewissen der Wohlstandsgesellschaft.
Live Aid wird 1985 zum ersten globalen Mega-Konzert. 1984 führen Dürren und Missernten zu einer der größten Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Am schlimmste ist die Not in Äthiopien. Monatlich sterben dort fast 20.000 Kinder an Unterernährung. Die fürchterlichen Bilder des Massensterbens laufen im Oktober 1984 bei der BBC und erschüttern die Weltöffentlichkeit.
Helfer vor Ort berichten, dass "Dieser Ort ziemlich nah an dem ist, was man die Hölle auf Erden nennt."


Band Aid 1984 (zum Vergrößern anklicken)
Bob Geldof, Initiator von Band Aid, im Interview: "Jeder hat die Nachrichten gesehen und jeder fühlte sich schlecht und schämte sich. Dass 13 Millionen Menschen hungern und vielleicht sterben, während wir in einer Welt des Überflusses leben, das war absurd. Wirtschaftlich nicht erklärbar und moralisch abstoßend."

Bog Geldof, 1984 Frontmann der Band Boomtown Rats, beschließt, etwas zu unternehmen. Er kontaktiert Midge Ure an, damals Sänger und Songschreiber der erfolgreichen Band Ultravox. Gemeinsam schreiben die beiden einen Song, der Geld für die Hungerleidenden sammeln soll. Bob und Midge versammeln innerhalb weniger Tage die komplette Prominenz der englischen Musikszene im Studio. Am 25. November 1984 singen u.a. Bono, Sting, Phil Collins, David Bowie, Ultravox, George Michael, Paul McCartney, Spandau Ballet, Bananarama, Duran Duran und Status Quo den Song innerhalb von 24 Stunden gemeinsam ein. Nur einer kommt an diesem Sonntagmorgen nicht: Boy George, Sänger von Culture Club, eine der aufsehenerregendsten Bands ihrer Zeit.
Also greift Geldof zum Telefon und erreicht ihn in New York. Boy George meint: "Ich komme nicht."
Geldof antwortet: "Fuck off, alle sind hier. Du hast sechs Stunden Zeit. Schnapp dir eine Concorde und sei um sechs Uhr hier."
Er nahm sich eine Concorde und kam.
Als "Do They Know It's Christmas?" am 29. November 1984 weltweit veröffentlicht wird, stürmt der Song in 13 Ländern die Charts. In weniger als einem Monat bringen die Plattenverkäufe alleine in England 8 Millionen Pfund für Afrika ein.
Die Nachfrage war so groß, dass jedes Presswerk in Europa nur diese eine Schallplatte herstellte - 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.
Bereits früh wird unterstellt, es ginge vielen der Künstler eher um Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache statt um Hilfe für Afrika. Ob nun Imagegründe oder die Auffassung, einen Auftrag zu haben, den es zu erfüllen gilt, überwiegen, ist aber doch nicht wirklich wichtig. Im Vordergrund steht die gute Sache.
Später wird teils bemängelt, dass keine langfristige, strukturell nachhaltige Hilfe geleistet und die dem Hunger zugrunde liegenden Ursachen nicht bekämpft worden seien.
Die Hilfsbereitschaft ist jedenfalls ansteckend.
Anfang 1985 schreiben Michael Jackson und Lionel Richie den Song "We Are The World". Amerikanische Pop-Größen, wie Bob Dylan, Billy Joel, Tina Turner, Ray Charles, Paul Simon, Cindy Lauper, Bruce Springsteen und Stevie Wonder formieren sich zu "USA For Africa".
"We Are The World" zählt noch heute zu den meistverkauften Platten aller Zeiten. Auch die deutschen Musikstars der 80er Jahre möchten nicht zurückstehen und rufen ebenfalls 1985 die "Band für Afrika" ins Leben. Unter Anderem dabei: Marius Müller-Westernhagen, Peter Maffay, die Münchener Freiheit und Extrabreit. Außerdem Panik-Rocker Udo Lindenberg und NDW-Star Nena.
Die Single "Nackt im Wind", geschrieben von Herbert Grönemeyer und Wolfgang Niedecken erreicht in Deutschland immerhin Platz 3 der Charts.
Es entsteht die Idee, zeitgleich zwei Konzerte zu veranstalten, bei dem ebenfalls Geld für Afrika gesammelt werden soll. Eins in London und eins in Philadelphia – und beide weltweit Live im Fernsehen übertragen.
"Live Aid" wird zum ersten und größten Charity-Event der Menschheit. In England und den USA stehen am 13. Juli 1985 alle auf der Bühne, die in der Pop-Welt Rang und Namen haben. Von David Bowie über Madonna bis zu Mick Jagger und Tina Turner. Absoluter Höhepunkt: Der Auftritt von Queen.

Bob Geldof, Organisator der "Band Aid"-Konzerte sagt: "Die Idee war ein Weckruf. Wir rüttelten die Menschen wach und zeigten ihnen, dass es wirklich passiert. Und weil jeder darauf aufmerksam wurde, ist es politisch geworden und die Staatsoberhäupter waren zum Handeln gezwungen. Wir haben 150 Millionen US-Dollar an einem Tag eingespielt. Aber der größere Effekt war, dass wir 1,4 Milliarden TV-Zuschauer erreichten. Die politischen Führer konnten das nicht ignorieren und so kam es zu Veränderungen."

Soziales Engagement hat sich Bob Geldof zur Lebensaufgabe gemacht. Bis heute ist er als Botschafter für den schwarzen Kontinent aktiv. Sein Mitstreiter und Partner wird Bono, Sänger der irischen Rock-Band U2.
"Do They Know It's Christmas?" wird 1989 und 2004 noch einmal aufgenommen – jeweils mit anderer Besetzung.
Insgesamt hat "Band Aid" bisher weltweit 190 Millionen US-Dollar für die Afrika-Hilfe eingebracht. Bei diesem positiven Hintergrund kann man es vernachlässigen, dass die meisten der Band-Aid-Songs keine musikalischen Meisterwerke waren.

(Quelle: Auszugsweise aus der VOX-Serie "100 Songs, die die Welt bewegten")