Dienstag, 14. November 2017

110. Geburtstag von Astrid Lindgren

110. Geburtstag von Astrid Lindgren

Ihre Werke sind Verkaufsschlager. In der ganzen Welt kennt man Michel aus Lönneberga, kennt man Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, die Kinder aus Bullerbü oder Tomte Tummetott.
Heute wäre die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren 110 Jahre alt geworden.
Begonnen hat ihre Karriere, als ihre Tochter krank wurde und sie ihr am Krankenbett Geschichten erzählt hat, was ihr so in den Sinn kam.
So wurde Pippi Langstrumpf geboren, die tapfere Seemannstocher, die allerlei Abenteuer erlebt.
Astrid Lindgren hat das erzählt, was ihre Phantasie hergab. Und was sie selbst als Kind erlebt hat.
Sie hat das getan, was schon der Evangelist Matthäus gewusst hat:
„Denn wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ (Mt 12,34).

So ist sie zur meist gelesenen Kinderbuchautorin geworden. Viele Preise hat sie erhalten und ihre Popularität auch immer wieder genutzt, um sich für die Rechte von Kindern einzusetzen.
Nach ihrer eigenen Kindheit gefragt, hat sie einmal gesagt:
„Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit.“
„Geborgenheit und Freiheit“, das ist es also, was sie als Rezept für eine glückliche Kindheit angibt.
Könnte auch aus einem Erziehungsratgeber stammen
Für manche Kinder ist das heute anders. Da steht die Freiheit zwar hoch im Kurs. Klar.
Wenn man die aber isoliert sieht, wird sie auch leicht zur Beliebigkeit: Mach doch, was du willst, aber lass mir die Ruhe! Ob das aber auch Geborgenheit ist?
Andererseits: Zuviel Geborgenheit ist vielleicht auch gut gemeint, aber kann auch erdrücken. Auf die gute Mischung kommt es an, meint Astrid Lindgren.
Freiheit und Geborgenheit. Wie gesagt: Könnte aus einem Erziehungsratgeber stammen.
Oder aber aus der Bibel. Oder zum Beispiel aus diesem alten irischen Segensgebet:
„Und bis wir uns wiedersehen halte Gott dich fest in seiner Hand! Er halte dich in seinen Händen, doch drücke seine Faust dich nie zu fest!“

 
Freiheit und Geborgenheit. Ein uraltes Rezept für eine geglückte Kindheit... und immer wieder erfolgreich.

Donnerstag, 10. August 2017

"Orange Day" in Vietnam

"Orange Day" in Vietnam
Der Tod kam auch aus Ingelheim: Ein deutscher Konzern half dabei, als die USA ihren chemischen Krieg gegen den Kommunismus in Südostasien führten.

Der 10. August ist in Vietnam "Orange Day".
Kein Feier-, sondern ein Gedenktag.

Agent Orange ist die militärische Bezeichnung eines chemischen Entlaubungsmittels, das die US-Streitkräfte im Rahmen der Operation "Ranch Hand" (Erntehelfer) während des Vietnamkriegs großflächig zur Entlaubung von Wäldern und zur Zerstörung von Nutzpflanzen einsetzten.
Ziel war es, dem feindlichen "Vietcong" die Tarnung durch den dichten Dschungel zu erschweren, Verstecke und Versorgungswege (Ho-Chi-Minh-Pfad) des Gegners aufzudecken, und deren Nahrungsversorgung zu stören.

Der Name stammt von den orangefarbenen Streifen, mit denen die entsprechenden Fässer gekennzeichnet waren.
Das englische Wort agent bedeutet hier "Mittel" oder "Wirkstoff".
Nach rund zehn Jahren hatten die Vereinigten Staaten Zeitungsberichten zufolge in 9.495 dokumentierten Einsätzen rund 90 Millionen Kilogramm
Agent Orange auf einer Fläche der Größe Hessens versprüht, drei Millionen Hektar Regenwald und Reisfelder vernichtet sowie 2.6000 Dörfer verseucht. 15,9 Liter kamen in den regelmäßig "entlaubten" Gebieten auf jeden Einwohner.

Am Anfang fielen die Blätter von den Bäumen, Reispflanzen gingen ein und der Dschungel verdorrte.
Später erkrankten und starben Menschen - Millionen Bewohner der betroffenen Gebiete, aber auch bis zu 200.000 US-Soldaten, die bei der Veteranenbehörde als Agent-Orange-Opfer registriert sind.
Vor 46 Jahren, im Januar 1971, startete angeblich das letzte Sprühflugzeug.
Doch es befinden sich noch immer Millionen Liter des nicht sichtbaren Giftes im Boden, in Pflanzen und damit auch im menschlichen Nahrungskreislauf.
Bis heute leiden und sterben Menschen an den Langzeitfolgen.
Neugeborene mit deformierten Schädeln, ohne Augen und Nase, mit fehlenden oder missgebildeten Organen; junge Frauen, um die 20, mit vom Krebs zerfressenen Gebärmüttern; Kriegsveteranen und einfache, vietnamesische Bauern, die – oft Jahre nach Kontakt mit der Chemikalie – an bösartigen Tumoren sterben.

Der Wirkstoff
bestand zu gleichen Teilen aus 2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure (2,4,5-T) und 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (2,4-D).
Hinzu kam 2,3,7,8-TCDD, das herstellungsbedingt als Verunreinigung in
Agent Orange enthalten war.
Bei seiner Synthetisierung entsteht Dioxin.
Diese chlorhaltige organische Verbindung wurde 1957 von Wilhelm Sandermann im Labor entdeckt und zählt zu den potentesten Giften, die die Menschheit je erschaffen hat.
Es ist nicht nur ausgesprochen persistent, also über lange Zeiträume in der Umwelt stabil.
Es schädigt das Genom, schwächt das Immunsystem und ist stark krebserregend.
Blutkrebs und Nierenversagen, Nervenleiden und Metastasenbildungen zählen zu den rund 140 bekannten Folgeerkrankungen.

Gift aus Ingelheim:
Auch in Deutschland hat das Gift Tote gefordert. Rund 115 einstige Arbeiter von Boehringer Ingelheim verstarben alleine bis 1991 an Krebs.
Das weltweit größte in Familienbesitz befindliche Chemieunternehmen aus Ingelheim am Rhein wurde vom US-Unternehmen Dow Chemical, neben Monsanto einer der beiden Hauptlieferanten des Herbizids, nach Lieferengpässen eingeschaltet.
Bei 45,2 Millionen Litern lag der Jahresbedarf mittlerweile. Boehringer Ingelheim konnte helfen.
Geschlossen wurde der gewinnträchtige Pakt zwischen Boehringer und Dow Chemical zu einer Zeit, als der spätere Bundespräsident Richard v. Weizsäcker, der das Unternehmen 1966 verließ, noch Mitglied der Geschäftsführung in Ingelheim war.

Dienstag, 25. Juli 2017

Soonwald - die wilde Tour

Soonwald – die wilde Tour von der Bierstadt Kirn an der Nahe bis zur Weinstadt Bingen am Rhein

Über 84 Kilometer führt der Soonwaldsteig von Kirn an der Nahe im Hahnenbachtal durch eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands nach Bingen am Rhein.

Er besteht offiziell aus sechs etwa gleich langen Etappen. "Also fassen wir jeweils zwei davon zusammen und schaffen die Strecke gemütlich in drei Tagen" – das war unser Plan.
Allerdings zeigt sich schnell, dass es nicht so einfach ist, denn wildes Campen ist verboten und daran möchten wir uns auch halten.
Drei Trekkingcamps (Alteburg, Ellerspring, Ochsenbaumer Höhe) machen das legale Zelten im Wald möglich.
Auf den Plätzen ist jeder willkommen, der die Natur ganz nah erleben möchte und sie zu schätzen weiß. Nach dem Prinzip: "Hinterlasse nichts außer deinen Fußspuren und nimm nichts mit außer deinen Eindrücken."
Die Übernachtung auf den Trekkingplätzen kostet derzeit 10 Euro pro Zelt/Nacht (1-3 Personen).
Man muss die Plätze vor dem Start beim Fremdenverkehrsbüro buchen, erst dann gibt es die GPS-Daten.

Meine Planung für eine 3-Tages-Tour:
1. Tag: Kirn bis Camp Alteburg (37,5 km / etwa 1.640 Höhenmeter)
2. Tag: Camp Alteburg bis Lauschhütte (28,5 km / etwa 570 Höhenmeter)
3. Tag: Lauschhütte bis Bingen (18 km / etwa 350 Höhenmeter)



Beim Blickenstein (zum Vergrößern anklicken)
Den Rucksack ausreichend mit Proviant füllen
Der Soonwaldsteig steht für das Wandern im Einklang mit der Natur.
Doch die wunderschöne Lage bringt durchaus ihre Tücken mit sich, denn auf mehr als 40 km Wegstrecke berührt der Steig keine Siedlung.
Trinkwasser muss somit in ausreichender Mengen mitgenommen oder aber aus Flüssen gefiltert werden.
Da die Anzahl an Flüssen begrenzt ist, bleibt das Thema "Wasser" wohl die größte Herausforderung.
Ein Filter und Wasseraufbereitungstabletten sollten definitiv nicht fehlen!

Die letzte sichere Möglichkeit, an Trinkwasser zu kommen, ist derzeit das Hotel Forellenhof (Reinhardtsmühle) bei Rudolfshaus (ca. bei km 13,5).
Etwa bei km 15,3 gibt es dann noch die dem Besucherbergwerk Herrenberg angegliederte "Bergmannsschänke".
Auch hier besteht die Möglichkeit, Getränke zu kaufen bzw. Flaschen zu füllen (Öffnungszeiten beachten).
Dann folgt die 45 km lange "Durststrecke" bis zur Rheinböller Hütte.


Tag 1/3 - Freitag, 21. Juli 2017:

Auf nach Kirn an der Nahe - die Stadt der Fürsten, der Steine, des Leders und der Bierbraukunst.
Vom Bahnhof sind es nur 200 Meter zur Bäckerei Fickinger in der Gerbergasse, wo wir uns den noch fehlenden Proviant besorgen.
Das Bauernbrot, weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt und beliebt, muss unbedingt in den Rucksack.
Noch 100 Meter durch die Lindenstraße und wir stehen am historischen Marktplatz Kirn, dem offiziellen Startpunkt des Soonwaldsteigs.
Hier im Eiscafé Venezia gibt es eine weitere Besonderheit zu erleben. Die eiskalte Leidenschaft ist am Kirner Marktplatz eine Familientradition. Inhaber Gianni Toldo überzeugte beim Gelato-Festival in Berlin mit seiner neuen Sorte "Aphrodite" die Jury und kreierte damit Deutschlands bestes Eis 2016.
Genau diese Sorte – mit griechischem Joghurt, gerösteten Nüssen und Cranberries – könnte uns den Auftakt unserer Wanderung versüßen… "könnte", denn leider ist noch nicht geöffnet und so ziehen wir unseres Weges.


Teufelsfels
Kaum haben wir die Innenstadt verlassen, wartet Kallenfels, das kleine Örtchen mit drei Burgruinen, auf uns. Weiter geht es zu Schloss Wartenstein. Hier hat man einen schönen Blick ins Hahnenbachtal, eines der Durchbruchstäler des Soonwaldes.
Wir wandern durch das verträumte Hahnenbachtal an Rudolfshaus vorbei Richtung Reinhardtsmühle. Es folgt ein Anstieg und die Strecke führt uns durch einen Felsentunnel, vorbei an zwei Aussichtspunkten, weiter aufwärts zur Schinderhannestränke. Hier beginnt Etappe 2.
Gleich neben der Schiefergrube Herrenberg, wo wir uns zwei kühle Weizenbier gönnen, findet sich die Altburg. Auf den Resten einer Burganlage wurde ein Dorf rekonstruiert, das einen Eindruck von den Siedlungen der Kelten vermittelt.
Die Altburg ist zeitweise bewohnt von Menschen, die den keltischen Alltag nachempfinden möchten.
Hinter der Keltensiedlung geht der Steig ins Tal und quert den Hahnenbach nahe der Schmidtburg. Vom Hahnenbachtal führt der Weg auf den rauen Rücken des Lützelsoons. Die nächste Station ist der Teufelsfels mit seinem Aussichtsturm "Langer Heinrich", der einen Panoramablick auf die Hunsrückhöhe, den Hochwald, den Großen Soon und auf den Donnersberg bietet.
Ab hier geht es teilweise über Quarzitblockhalden weiter über die Womrather Höhe zum sogenannten Blickenstein.

Etappe 2 endet nach dem Abstieg nördlich um den Langenstein herum an der B 421 (Gemünden-Simmertal) an einer Fußgängerbrücke.
Einen Teil der 3. Etappe müssen wir noch in Angriff nehmen.
Es folgt die größte Herausforderung der Strecke: Ein Steilhang mit Quarzitsteinblöcken, der am oberen Rand des Steinbruchs Henau endet.
Unsere Trekkingstöcke erweisen sich hier sehr hilfreich, denn so muss der schwere Rucksack nicht ständig mit dem Oberkörper ausbalanciert werden. Vorsichtig setzen wir einen Fuß vor den anderen.
Wir haben schon 28 Kilometer in den Beinen und so mancher Fluch kommt über unsere Lippen.
Nach Umgehung des Steinbruchs führt der Weg zur sagenumwobenen Burgruine Koppenstein. Vor dem Turm ruht der berühmte "Wackelstein", ein großer Quarzitbrocken, der auf der schiefen Ebene seiner schmalen Unterlage zu schweben scheint.
Die Reste der Burganlage Koppenstein werden von den Soonwäldern als das Symbol ihrer Landschaft verehrt:
"Des Hunsrücks Wahrzeichen sollst du sein, du grauer trutziger Koppenstein."
(Röhrig, Liederbuch)

Solche Momente entschädigen für die Strapazen
Die Aussicht vom gut erhaltenen Turm sollte man sich nicht entgehen lassen. Nachdem wir das Asbachtal hinter uns gelassen haben, freuen wir uns auf die Einsamkeit des großen Soons.
Für heute ist aber Schluss. Unser Nachtlager, das Trekkingcamp Alteburg, suchen wir in der Dunkelheit mit Taschenlampen.
Die letzten Meter sind begleitet von Stimmen und Hundegebell. Auf dem ehemaligen Köhlerplatz erwarten uns Wildnis und Abgeschiedenheit.
Wir schauen uns um… keine Empfangsdame, keine Rezeption, kein Page. Kein Imbiss und kein Kiosk.
Es gibt ein paar Bänke und eine Feuerstelle. Etwas abseits, versteckt, eine Kompost-Toilette.
Alles beschränkt sich auf das Wesentliche.
 

Außer uns sind noch fünf Wanderer und drei Hunde hier.
Wir stellen uns kurz vor und bauen unsere Zelte auf. Nicht weit entfernt bewacht der Alteburgturm dieses ruhige Plätzchen.
Jetzt, wo ich zur Ruhe komme, machen sich die Strapazen des Tages bemerkbar. 38 Kilometer sind nicht das Problem, aber es waren ruppige Kilometer mit vielen Auf- und Abstiegen, mehr als 1.600 Höhenmeter; dazu 22 kg Gepäck auf dem Rücken.
Umso wichtiger ist es, dass der Rucksack richtig sitzt, damit das Gewicht auf der Hüfte und nicht auf den Schultern lastet.


Life sucks a lot less when you add mountain air,
a campfire and some peace and quiet
.
Wir setzen uns ans Lagerfeuer. Es gibt Würstchen mit Bauernbrot.
Im Camp steht eine alte Munitionskiste, in der vom zuständigen Revierförster ein Depot mit Mineralwasser angelegt wurde. Die 1,5-Liter-Flasche kostet 1 Euro, zu zahlen in eine "Vertrauenskasse". Eine gute Sache, so müssen wir unseren Wasservorrat nicht bis zur Grenze ausreizen.
Verlassen sollte man sich auf diesen Service allerdings nicht.


Bald schon zieht ein Gewitter auf – also ab ins Zelt.
Alle wichtigen Gegenstände, wie Taschenlampe, Schlüssel, Messer, Kamera und Portemonnaie nehme ich mit in den Schlafsack. So habe ich sie im Notfall schnell griffbereit und sie können nicht unbemerkt gestohlen werden.

Das Gewitter zieht vorbei. Wir bekommen nur Regen ab, der auf unsere Zelte klopft. 

Rückzug an einem Ort, wo ich für mich bin. Unerreichbar für alle und alles... es kann und soll mir jetzt egal sein. Ich bin nur für mich - und bei mir!

Tag 2/3 - Samstag, 22. Juli 2017:
Es ist kühl und angenehm still. Nebel hängt in den Bäumen.
Die Wolken brechen auf und geben die ersten Sonnenstrahlen frei während wir unsere Kaffee trinken.

Die direkte Berührung mit der Natur, diese Unmittelbarkeit zum Elementaren, zum Ursprünglichen, ist ein besonderes Erlebnis und genau für dieses Erlebnis, diese Eindrücke und Augenblicke haben wir uns auf den Weg gemacht. 


Auf dem Alteburggipfel steht seit 1893 der 20 Meter hohe Alteburgturm, der auf den Ruinen alter Ringwälle erbaut wurde.
Von der überdachten Aussichtsplattform des Turmes im Zentrum des Soonwaldes hat man einen Ausblick auf die Hunsrückhöhen mit Erbeskopf, Idarwald, Flughafen Hahn und Fleckertshöhe sowie Teile Rheinhessens, das Naheland (Gauchswald, Schanzenkopf, Lemberg) und das Nordpfälzer Bergland (Donnersberg, Bornberg). Bei guten Verhältnissen sind auch Teile der Eifel zu erkennen.
Durch alte Buchenbestände geht es weiter. Nach der Runden Tanne erreichen wir das Etappenziel, den Wanderparkplatz Ellerspring an der L 108.

Die 4. Etappe bringt uns zur Ellerspring, der mit 657,5 m ü. NHN höchsten Erhebung des Soonwaldes. Etwa 40 Meter nordöstlich des Gipfels steht der Fernmeldeturm Ellerspring, der sich als weithin sichtbare Landmarke 107 Meter hoch in den Himmel streckt.
Durch das Gräfenbachtal wandern wir zu den Glashütter Wiesen. Danach geht es durch das Naturschutzgebiet Schwappelbruch und – nach Querung der L 242 - zum 643 Meter hohen Schanzerkopf, einem weiteren markanten Soonwaldgipfel.
Anschließend überqueren wir die L 239 und gehen über den Kamm, vorbei am Katzenkopf und Fliegerdenkmal (wo am 21 März 1944 vier junge Männer starben), bis zum Hochsteinchen.
Etwas abseits des Weges kann ein Aussichtsturm bestiegen werden.
Von hier geht es steil bergab zur Rheinböller Hütte, dem Ende der Etappe, wo man sich auch gleich wieder in der Zivilisation angekommen fühlt.
In unmittelbarer Nähe, am Autohof Rheinböllen, besteht die Möglichkeit, Proviant zu kaufen. 

 
Etappe 5 führt uns zu Beginn unter der A 61 hindurch zum Binger Wald. Hier erwarten uns schöne Ausblicke ins Rheintal und einige alte Forsthäuser mit guter Gastronomie… aber der Reihe nach.
Nach einem Anstieg ist die nächste Station auf dem Weg die Emmerichshütte, ein ehemaliges Forsthaus. Von dort geht es auf die Höhe des Kandrich mit seinem Windpark und weiter zum Ohligsberg.
Hier kann man schon einen Blick auf den Rhein werfen.
Am Eselstein vorbei kommt man zum Ziel des zweiten Tages, die Lauschhütte, ebenfalls ein ehemaliges Forsthaus mit guter Küche und verschiedenen Freizeitangeboten.
Früher war die Lauschhütte Unterkunft und Aufenthaltsort für Waldarbeiter. Immer wieder wurde sie seitdem aus- und umgebaut – als Forsthaus und Waldgaststätte.
Auf der großen Wiese, die damals den Waldarbeitern als Rückeplatz für das gefällte Holz diente, schlagen wir unsere Zelte auf.

Duschen kann man hier zwar nicht ("Geduscht wird zu Hause", lautet der Kommentar auf der Website), dafür gibt es eine gute Gastronomie
Bei Forsthausschnitzel mit Kroketten, Salat und Kirner Pils genießen wir die Abendstunden auf der Terrasse.
Es gibt sogar noch Flaschenbier zu kaufen und damit setzen wir uns an die Feuerstelle vor der großen Jurte.
Christoph macht Feuer. Er weiß sich zu helfen und sucht Birken, denn sie enthalten ätherische Öle. Die Rinde der Birke brennt deshalb ganz gut, selbst wenn sie feucht ist.
Kaum ist unser Bier leer, beginnt es zu regnen. Christoph macht den Anfang und schleicht zum Zelt.

Schon der Schinderhannes und seine Bande wussten sie zu schätzen, die Ruhe im wilden, weiten Soonwald. In den abgeschiedenen Wäldern, wo nur die Natur die Geräuschkulisse bildet, kann man zu sich selbst finden und Kraft für den Alltag tanken.

Tag 3/3
- Sonntag, 23. Juli 2017:
08:30 Uhr: Es erwartet uns ein gutes Frühstück in der Lauschhütte.
Dann Sachen packen, Wasserflaschen füllen und weiter geht es.
Die ersten fünf Etappen waren relativ anspruchsvoll. Die Schlussetappe mit gerade mal 18 km dagegen lädt dazu ein, den Soonwaldsteig gemütlich ausklingen zu lassen.



Die erste Attraktion des neuen Tages ist der Aussichtsturm auf dem Salzkopf. Danach geht es abwärts in das Quellgebiet des Morgenbachs und weiter zum Jägerhaus. In der Nähe befindet sich die "Steckeschlääferklamm", wo ein Künstler Gesichter und Fratzen in Baumstämme geschnitzt hat.


Die 6. und letzte Etappe
Hinter dem Jägerhaus kommen wir zum landschaftlichen Höhepunkt, dem tief eingeschnittenen Morgenbachtal mit seinen steil abfallenden Felspartien.
Es steht unter Naturschutz und gilt als eines der schönsten Seitentäler des Rheins. Wir sind im UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal, das sich von Bingen/Rüdesheim bis Koblenz auf einer Länge von 67 km erstreckt.
Im Mittelalter war das Obere Mittelrheintal Kernland des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Zahlreiche historische Städte und Burgen gibt es zu erleben, die wie an einer Perlenkette aufgereiht, am Flussufer liegen.
Eine davon, Burg Reichenstein, sehen wir nach einer kleinen Kletterpassage auf dem steilen Eselspfad von oben.
Auf den Rheinhöhen geht es weiter über die Burg Rheinstein zum Schweizerhaus.
Durch das enge Poßbachtal wandern wir vorbei am Damianskopf zum Forsthaus Heiligkreuz. Wer möchte, kann einen Abstecher in die Kreuzbachklamm machen.
Wir folgen stattdessen dem Steig in Richtung Bingen über den Höhenzug zum Prinzenkopf.


Burg Rheinstein

Bald schon erreichen wir die Binger Jugendherberge, von der aus wir den Hauptbahnhof sehen können, an dem kurz darauf der Soonwaldsteig endgültig hinter uns liegt.

Fazit: "Manchmal liegt das Glück vor der Haustür"
Viel grün, wenig Menschen, kein Lärm.
Man wandert auf schmalen Pfaden durch einsame Wälder, zu verborgenen Orten und verwunschenen Plätzen.
Immer wieder setzt man seine Füße auf Hunsrückschiefer und Quarzitgestein des Devons. Die Gesteine sind rund 400 Millionen Jahre alt – eine unverstellbare Zahl.
Burgen und Schlösser erzählen von Kelten, Römern und dem Mittelalter.


Auf dem Soonwaldsteig erlebten wir eine ursprüngliche Wildnis, wie man sie heute nur noch selten findet.
Steile Auf- und Abstiege aber auch ruhige Passagen und schöne Fernsichten charakterisieren den Streckenverlauf. Der ideale Weg, um die Stille der Natur zu genießen.
Immerhin gehört der Soonwald zu den größten zusammenhängenden Wäldern Deutschlands.


Die Einschränkungen durch Unwetterschäden auf der letzten Etappe haben wir gerne in Kauf genommen.
Auf solch einem Weg, der praktisch über die gesamte Distanz durch die Natur führt, muss man eben auch mit Tücken und Gefahren rechnen.

Danke an Christoph, der sich mit mir zusammen auf dieses Abenteuer eingelassen hat
.

Eine Wanderung ist immer ein kleines Abenteuer.
Man wird vorab nicht erfahren, was einen unterwegs alles erwartet.
Wahrscheinlich wird gerade das Unerwartete eintreten.


Weitere Informationen und GPS-Dateien unter:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=tttqevbqfnwdiaiy

Das komplette Fotoalbum gibt es bei flickr:
https://www.flickr.com/photos/136658873@N05/albums/72157684095070153


Auch im Sonnwald gelten die Trekkingregeln.  

Dienstag, 11. Juli 2017

Heimat

Heimat – das ist so vieles, und für jeden anders.
Meist steht Heimat für einen Ort, aus dem du kommst, wo du dich zuhause fühlst.
Die Stadt, die Straße, das Haus.
Ein Ort, den du erinnerst mit allen Sinnen, der Blick ins Tal von der alten Bank aus, das Geräusch der Schritt auf dem Kiesweg, das Gefühl der rauen, kalten Türklinke in der Hand, der Geruch beim Heimkommen, die bekannten Stimmen.
Heimat, ein Ort, an dem du dich wohlfühlst, zu dem du gerne zurückkehrst.
Heimat so verstanden ist etwas, aus dem du vertrieben werden kannst, das zerstört werden kann.
Diese Heimat kannst du verlieren.
Aber Heimat ist viel mehr.
Nicht nur Geografie. Heimat wird lebendig, wo die nächsten Menschen sind.
Die, die du liebst, die du auf Reisen vermisst, auf die du dich freust, wenn du heimkehrst.
Heimat ist dort, wo nicht alles hinterfragt wird, wo die eigenen Rituale und Gewohnheiten den Rhythmus bestimmen, wo du frei leben, lieben und glauben kannst.
Heimat heißt vertraut sein und aufgehoben.
In der Liebe von Menschen und in der Geborgenheit alter Zusagen.
Erkannt werden und gerufen sein.
Heimat ist etwas, das vielleicht erst wächst und das du dir schaffen kannst, gemeinsam mit anderen.
Diese Art Heimat kannst du mit dir führen, wie das Vertrauen darauf, begleitet zu sein.
Vielleicht so auch Josef, der sich aufmacht, die Vertraute mitnimmt, der aufbricht und Heimat neu schafft.

(Text: Sabine Schaefer-Kehnert)

Es gibt einen Song, der damit in Verbindung steht und dessen Zeilen ich immer wieder gerne höre.
Die Band Silbermond ist mittlerweile von Bautzen nach Berlin umgesiedelt. Dennoch sind sie oft in der Heimat.
Der Song "B 96" ist sehr emotional, denn er beschreibt das Gefühl, nach Hause zu kommen.
Die Bundesstraße 96 verbindet die Hauptstadt mit Bautzen. Jedes Mal, wenn Stefanie von Berlin auf der B 96 in Richtung Bautzen fährt, überkomme sie eine besondere Melancholie.

Im Hinterwald
Wo mein Zuhause ist
Schön, wieder hier zu sein


Immer, wenn ich dieses Lied höre, muss ich an meine Heimat denken.
An alte Begegnungen und Geschichten.
An längst Vergangenes und auch an das, was mich heute noch bewegt.

Versteckt unter Heu
Liegen Sachen von dir
Aber auch 'ne drei viertel Kindheit - verbeult und ramponiert


Wenn ich mit dem Auto in meiner Heimat unterwegs bin, sauge ich die Landschaft förmlich auf, kenne jede Kurve bis ich in meine Straße komme.
Und dann wird mir klar, wo meine Wurzeln sind.
Wo ich zuhause war und wo ich jetzt zuhause bin.
Dazu gehören für mich Menschen, Landschaften, Gebäude, aber auch Düfte und Gefühle.

Und die Welt steht still hier im Hinterwald
Und das Herz schlägt ruhig und alt


Heimat ist für mich mehr als nur ein Ort auf der Landkarte.
Wir im Hunsrück drücken das Gefühl von Heimat und Geborgenheit mit dem Wort "Geheischnis" aus.

Samstag, 17. Juni 2017

Eine Kirche ohne Dorf

Samstag, 17. Juni 2017:
Jeder kennt sicher den Satz "Lass die Kirche im Dorf."
Im Soonwald hat man sich sprichwörtlich daran gehalten.

Bei der heutigen Rennrad-Tour ging es zu einer Kirche ohne Dorf, denn dieses wurde Opfer des Kalten Krieges.

Vom Marktplatz Idar führt die Strecke zunächst über Tiefenstein, Kirschweiler, Katzenloch, Kempfeld und Bruchweiler nach Schauren. Vorbei am Steinbruch Kappelbach geht es weiter über Stipshausen, Rhaunen, Hausen, Woppenroth, Schlierschied, Gemünden und Sargenroth nach Tiefenbach, wo wir die K57 verlassen und der höchsten den Soonwald überquerenden Passstraße (L108) folgen, die Tiefenbach im Norden mit Winterburg im Süden verbindet.
Ein paar Serpentinen und Höhenmeter später steht man am nahe der höchsten Stelle liegenden Parkplatz auf 629 Meter. Von hier ist es nicht weit zur Ellerspring, der mit 657,5 m ü. NHN höchsten Erhebung des Soonwaldes.
Etwa 40 Meter nordöstlich des Ellerspringgipfels steht der Fernmeldeturm Ellerspring, der sich als weithin sichtbare Landmarke 107 Meter hoch in den Himmel streckt.
Jetzt folgt die Abfahrt zum Winterbacher Ortsteil Kreershäuschen, wo sich das Cafe & Restaurant "Malepartus" zur Einkehr anbietet.


Im nächsten Ort gibt es etwas zu bestaunen, denn in Gebroth, dem im südlichen Hunsrück am Ellerbach gelegenen Dorf, fühlt sich seit über 90 Jahren wieder ein Storch wohl.
Im Jahr 2010 stellte Rolf Merg einen Telegrafenmast mit Nistmöglichkeit nahe seiner Fruchtkellerei auf.
Nach vier Jahren bezog dann Storch Conrad das Nest.
Ein Jahr später brachte er seine erste Frau, Emma-Margarete, mit und so gab es im Sommer 2015 den ersten Storchennachwuchs, der auf den Namen "Heimat 1" getauft wurde.
Das zweite Küken überlebte das Gewitter am 17. Juni nicht.

Über Allenfeld und Daubach folgen wir der Route Richtung Industriepark Pferdsfeld. Südlich davon befindet sich die Wüstung Eckweiler, das Ziel der Fahrt. Einsam und in einer etwas verwunschen wirkenden Landschaft steht die Kirche "Heilig-Kreuz" in dem ehemaligen Dorf Eckweiler. Erbaut im 15. Jahrhundert, ist sie – neben dem Friedhof – das einzige Überbleibsel eines Ortes, der Ende der 70er Jahre umgesiedelt wurde.


Nur wenige Meter entfernt von Eckweiler lag früher der NATO-Flugplatz Pferdsfeld, der bis ca. 1960 von der US-Air-Force und danach bis 1997 von der Bundeswehr genutzt wurde.
Die 350 Einwohner mussten im Zuge der Umrüstung auf die F-4 Phantom wegen des Fluglärms und der Gefahr eines Flugzeugabsturzes innerhalb der Einflugschneise ihr Dorf verlassen.
Der Beschluss hierzu wurde 1976 gefasst. Am 10. Juni 1979 wurde die Gemeinde Eckweiler aufgelöst und existierte bis zur Einebnung 1981/82 als Geisterdorf weiter.
Die Kirche Heilig-Kreuz blieb erhalten, weil sie unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Neben Eckweiler traf es auch die Orte Pferdsfeld und Rehbach, deren Einwohner ihre Heimat verloren. Traurige Ironie des Schicksals: Nur 10 Jahre nach der Auflösung Eckweilers und 5 Jahre nachdem das letzte Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde, erachtete man Infolge der Veränderungen der politischen Lage nach dem Mauerfall 1989 den Standort Pferdsfeld als nicht mehr notwendig.

Wo früher Häuser standen, gibt es nun nur noch grüne Wiesen und Felder. Nichts mehr ist zu hören vom Lärm der damals hier stationierten F-4 Phantom, dem lautesten Kampfflugzeug der Bundeswehr.
Das Areal des ehemaligen Flugplatzgeländes wird heute unterschiedlich genutzt. Man findet dort u.a. den größten rheinland-pfälzischen Solarpark sowie das Test- und Eventzentrum der Adam Opel AG.

Ist man schon mal hier, bindet man noch den damaligen Ort Pferdsfeld mit ein, in dem 1897 der Pfarrersohn Paul Schneider geboren wurde. Die Nazis ermordeten den "Prediger von Buchenwald", wie ihn später seine Mithäftlinge nannten, im Juli 1939 im KZ Buchenwald. Zurück führt die Strecke über Kallweiler, Waldfriede, Seesbach und Brauweiler ins Kellenbachtal. Weiter über Simmertal, Hochstetten-Dhaun, Kirn, Weierbach, Nahbollenach und Oberstein nach Idar.


Weitere Informationen, Fotos und GPS-Dateien unter:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=lmhxvjgvoddufvja

Donnerstag, 15. Juni 2017

Bin nicht da, denn ich bin mich besuchen

"Ich bin nicht da, bin mich suchen gegangen. Wenn ich wieder da bin bevor ich zurück komme, sagt mir, ich soll auf mich warten."
Diesen Satz habe ich kürzlich gelesen, aber besser noch gefällt mir die Abwandlung, die zusammen mit dem Text auf der Homepage des Bistums Trier zu finden ist:
"Bin nicht da, denn ich bin mich besuchen. Wenn ich noch nicht zurück sein sollte, wenn ich komme, sag ich Bescheid, damit ich warte, bis ich wieder da bin."

Also ehrlich, die Sätze habe ich zweimal lesen müssen, bevor ich genau wusste, was damit gemeint ist.

"
Bin nicht da, denn ich bin mich besuchen.
" Da ist also einer weggegangen, weil er sich selbst besuchen will. Anscheinend ist er gar nicht da, wo er sich eigentlich aufhält.

Ja, so was kenne ich auch von mir selbst. Wenn ich Dinge erledigen muss, die mich nicht interessieren.
Wenn ich eigentlich mit dem Herzen und mit meinen Gedanken ganz woanders bin.
Es kann ganz schön nervig und stressig sein, wenn man heute im normalen Arbeitsalltag drei Dinge gleichzeitig erledigen soll. Und da, wo heute nur noch zwei Leute sitzen an Stelle von vier, da sorgt die so genannte "Arbeitsverdichtung" auch nicht unbedingt für ein entspanntes Arbeiten.

Ganz bei einer Sache bleiben, etwas in Ruhe erledigen, sich konzentrieren können, das ist bei vielen Menschen kaum noch drin. In den "Workflow" kommen nennt man das neudeutsch.
Da braucht man schon eine gehörige Portion Selbstdisziplin.

Die alten griechischen Lehrer der Lebenskunst, die Philosophen, kannten das Problem und entwickelten ein Lebenskonzept innerer Freiheit durch Selbstdistanz.
"Bin nicht da, bin mich besuchen."
"Apathia" nannten sie es, die Freiheit von ungeordneten Antrieben und Gedanken. Sie wollten, dass das Leben in einen "Wohl-Fluss" gelangt, so wie bei einem ruhig dahinfließenden Wasserlauf.

Erreichen sollte man diesen "Flow" durch eine Haltung tiefer Seelenstärke und innerer Unerschütterlichkeit. Wer die gefunden hat, der kann tatsächlich immer wieder in Ruhe darauf warten, bis er "wieder da ist".

Aber wie kommt man zu dieser Haltung? Für die alten Griechen ging es um ein Vertrauen in die Vernunft und die göttliche Weltordnung.
Mit dem Christentum kommt ein Gott mit ins Spiel, der mich an der Hand nimmt und ganz einfach sagt: "Alles wird einmal gut werden. Vertrau darauf!" Ich weiß, dass das sehr schwer zu glauben ist. Oft zweifele ich selbst daran, aber das spielt keine Rolle.
Was das hier und jetzt heißen kann, hat Jesus seinen gestressten Jüngern einmal handfest vorgemacht. Zu lesen in der Bibel, Buch Markus, Kapitel 6, Vers 31:
"Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus" (Mk 6, 31).
 

Ein schönes Bild. Er zeigt mir einen Platz zum Ausruhen, er gibt mir die Zeit zu warten, bis ich wieder da bin.

Sonntag, 4. Juni 2017

Ist da jemand?

Wenn der Himmel ohne Farben ist, schaust du nach oben und manchmal fragst du dich: Ist da jemand, der mein Herz versteht? Und der mit mir bis ans Ende geht? Ist da jemand?“

Adel Tawil stellt diese Fragen in seinem Lied und hat sicher einen Menschen im Blick, den er als Partner und Wegbegleiter sucht.

„Ist da jemand?“

Ich denke, es gibt viele Menschen, die sich diese Frage stellen: „Ist da jemand?“.
Gibt es jemanden, der für diejenigen da ist, deren Himmel ohne Farben ist?
Deren Welt zerbrochen ist, weil sie einen Menschen oder den Arbeitsplatz verloren haben, weil ihre Beziehung, ihr Lebensplan, ihre Hoffnung gescheitert ist?

„Wenn der Himmel ohne Farben ist, schaust du nach oben und manchmal fragst du dich: Ist da jemand, der mein Herz versteht?“

Es braucht einen Menschen, der versteht, was in diesen Herzen vorgeht. Der die Schatten auf den Seelen kennt und an die Menschen glaubt, auch wenn andere es nicht mehr tun.

„Ist da jemand?“

Am Ende seines Liedes nimmt die Suche von Adel Tawil eine Wende:

„Wenn man nicht mehr danach sucht, kommt so vieles von allein“.

Vielleicht ist das die Überraschung: Dann, wenn man nicht mehr sucht, kommt es von alleine: In den Menschen, die einfach da sind, wenn man sie braucht, die an einen glauben, wenn keiner es mehr tut, die bis zum Ende mitgehen.

Dienstag, 23. Mai 2017

Eat, sleep, walk, repeat

Viele Menschen können mit dem Begriff "Wearables" nichts anfangen.
Was sich dahinter verbirgt, haben hingegen die meisten schon gesehen.
Sie werden Tracking-Watches, Smartwatches, Fitness-Tracker und Fitness-Armbänder genannt.
Es gibt sie von unzähligen Herstellern und mittlerweile in allen Preisklassen. Sie sind dafür gedacht, dauerhaft am Handgelenk getragen zu werden.
Ihr Träger ist, dank Sensoren und Elektronik, immer über relevante Parameter informiert, die Fitness und Gesundheit betreffen. Es werden die am Tag zurückgelegten Schritte bzw. Kilometer anzeigt. Der daraus resultierende Kalorienverbrauch wird mehr oder weniger genau ermittelt, indem die entsprechende Aktivität Berücksichtigung findet.
Alle Informationen sind sofort abruf- und verfügbar. Viele Modelle überwachen sogar die einzelnen Schlafphasen.

Es ist gar nicht lange her, da füllten Computer, die solch eine Rechenleistung besaßen, noch mehrere Räume.
Auch ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, mir solch ein Technikwunder an den Arm zu schnallen.
Ist das jeweilige Tagesziel erreicht, piept sie bestärkend. Andererseits schweigt sie zickig, wenn es mal nicht so gut läuft.
Ich kann darüber nur schmunzeln, denn das, was mein Leben wirklich lebenswert macht, kann solch ein Gerät gar nicht wissen.
Besondere Momente mit Menschen, die mir am Herzen liegen.
Nette Gespräche, neue Erfahrungen.
Freiheit, Geselligkeit, Glück, Zufriedenheit.
Körperliche und seelische Gesundheit, die es möglich machen, Dinge zu erleben, die mir wichtig sind.

All das kann von keinem Sensor erfasst und nicht elektronisch gemessen werden.
DANKE

Donnerstag, 18. Mai 2017

Musik, die bewegt – Teil 13

Der hämmernde Drum-Computer-Beat von „Blue Monday“ der Band New Order hat die Techno-Ära eingeläutet.
Es ist der Beat des berühmtesten Song-Intros der 80er Jahre.
Das Besondere: Erst nach zwei Minuten setzt der Gesang ein – das ist damals, im Jahr 1983, revolutionär.
Niemand hat damit gerechnet, dass ein Song mit solch einem Intro Hitpotential hat. Mit über drei Millionen Kopien wird es die meistverkaufte 12-Inch-Maxi-Single auf Vinyl aller Zeiten.

Die brachiale Einfachheit und die brutale Drum-Machine geben dem Song eine gewisse Strenge und Schönheit, die nach nunmehr über 30 Jahren unglaublich zeitgenössisch und modern wirkt.

Die Geschichte von New Order beginnt Ende der 70er in Manchester, einer tristen Stadt, geprägt von Kriegsruinen, Industrie und Sozialbauten.
In dieser Umgebung gründen vier Jungs die Vorläufer-Band von New Order: Joy Division.
Der Name ist angelehnt an eine angebliche Huren-Einheit der deutschen Wehrmacht.
Schnell finden sie ihren eigenen Stil, und der ist so düster wie ihre Heimatstadt.
Joy Division war eine einflussreiche Band. Die Musiker erzeugten mit sehr einfachen Mitteln eine Atmosphäre, die insofern etwas ganz neues war und etwas Eigenes hatte, weil sie eine gewisse Düsterkeit und Melancholie ausstrahlte. Das löste sich von der routinierten Fröhlichkeit, die die Popmusik normalerweise verbreitete, ab.
Joy Division werden schnell zu einer der erfolgreichsten englischen New-Wave-Bands. Geplant ist sogar eine erste USA-Tour, doch dazu soll es nicht mehr kommen.
Sänger Ian Curtis hält dem Druck nicht stand. Er leidet an Epilepsie, ist zerrissen in der Liebe zu zwei Frauen.
Seine inneren Dämonen verarbeitet er in seinen Texten.

Ich denke, dass bei Ausnahmekünstlern Genie und Wahnsinn eng beieinander liegen. Man muss sehr sensibel sein, um ausdrucksstarke Texte schreiben zu können. Das ist sicher die große Tragik und letztlich das Schicksal dieser Menschen. Es erinnert mich an Curt Cobain, der auch an sich selbst zerbrach.

„Love Will Tear Us Apart”, der autobiografische Song, ist Joy Divisions erster großer Hit. Doch kurz nach Erscheinen zerbricht Ian Curtis und erhängt sich. Was genau ihn dazu treibt, sich in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1980 mit nur 23 Jahren das Leben zu nehmen, ist bis heute ungeklärt.
Der Rest der Band bleibt geschockt zurück.
Auf seltsam pragmatische Art ist den Zurückgebliebenen klar, dass sie weitermachen werden. Allerdings nicht unter dem alten Namen und auch nicht im alten Stil.
„New Order“, das klingt nach Neubeginn. Musikalisch lassen sie sich in den Discos von New York inspirieren. Synthesizer, harte Beats und dominante Bassläufe statt düsterer New-Wave-Balladen.
Das verwaiste Mikrofon von Ian Curtis übernimmt der 24-jährige Gitarrist Bernard Sumner, zunächst noch merklich unsicher in seiner neuen Rolle als Frontmann.
„Blue Monday“ bringt den neuen elektronischen Sound auf den Punkt. Es ist ein epochaler Song, der viele musikalische Merkmale von Techno vorwegnimmt und Techno-DJs nachhaltig beeinflusst.
Wenn man „Blue Monday“ heute hört, kann man sich nicht mehr vorstellen, was es damals bedeutete, als diese Bass-Drum reinkam, weil es so normal geworden ist.
Bis heute spielen auch New Order selbst live. Sie, die einzige Band, die gleich zwei Genres nachhaltig beeinflusst hat – Punk und Techno… und nebenbei noch dem ungeliebtesten Wochentag ein Denkmal gesetzt hat.
DANKE!