Donnerstag, 15. Juni 2017

Bin nicht da, denn ich bin mich besuchen

"Ich bin nicht da, bin mich suchen gegangen. Wenn ich wieder da bin bevor ich zurück komme, sagt mir, ich soll auf mich warten."
Diesen Satz habe ich kürzlich gelesen, aber besser noch gefällt mir die Abwandlung, die zusammen mit dem Text auf der Homepage des Bistums Trier zu finden ist:
"Bin nicht da, denn ich bin mich besuchen. Wenn ich noch nicht zurück sein sollte, wenn ich komme, sag ich Bescheid, damit ich warte, bis ich wieder da bin."

Also ehrlich, die Sätze habe ich zweimal lesen müssen, bevor ich genau wusste, was damit gemeint ist.

"
Bin nicht da, denn ich bin mich besuchen.
" Da ist also einer weggegangen, weil er sich selbst besuchen will. Anscheinend ist er gar nicht da, wo er sich eigentlich aufhält.

Ja, so was kenne ich auch von mir selbst. Wenn ich Dinge erledigen muss, die mich nicht interessieren.
Wenn ich eigentlich mit dem Herzen und mit meinen Gedanken ganz woanders bin.
Es kann ganz schön nervig und stressig sein, wenn man heute im normalen Arbeitsalltag drei Dinge gleichzeitig erledigen soll. Und da, wo heute nur noch zwei Leute sitzen an Stelle von vier, da sorgt die so genannte "Arbeitsverdichtung" auch nicht unbedingt für ein entspanntes Arbeiten.

Ganz bei einer Sache bleiben, etwas in Ruhe erledigen, sich konzentrieren können, das ist bei vielen Menschen kaum noch drin. In den "Workflow" kommen nennt man das neudeutsch.
Da braucht man schon eine gehörige Portion Selbstdisziplin.

Die alten griechischen Lehrer der Lebenskunst, die Philosophen, kannten das Problem und entwickelten ein Lebenskonzept innerer Freiheit durch Selbstdistanz.
"Bin nicht da, bin mich besuchen."
"Apathia" nannten sie es, die Freiheit von ungeordneten Antrieben und Gedanken. Sie wollten, dass das Leben in einen "Wohl-Fluss" gelangt, so wie bei einem ruhig dahinfließenden Wasserlauf.

Erreichen sollte man diesen "Flow" durch eine Haltung tiefer Seelenstärke und innerer Unerschütterlichkeit. Wer die gefunden hat, der kann tatsächlich immer wieder in Ruhe darauf warten, bis er "wieder da ist".

Aber wie kommt man zu dieser Haltung? Für die alten Griechen ging es um ein Vertrauen in die Vernunft und die göttliche Weltordnung.
Mit dem Christentum kommt ein Gott mit ins Spiel, der mich an der Hand nimmt und ganz einfach sagt: "Alles wird einmal gut werden. Vertrau darauf!" Ich weiß, dass das sehr schwer zu glauben ist. Oft zweifele ich selbst daran, aber das spielt keine Rolle.
Was das hier und jetzt heißen kann, hat Jesus seinen gestressten Jüngern einmal handfest vorgemacht. Zu lesen in der Bibel, Buch Markus, Kapitel 6, Vers 31:
"Kommt mit an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus" (Mk 6, 31).
 

Ein schönes Bild. Er zeigt mir einen Platz zum Ausruhen, er gibt mir die Zeit zu warten, bis ich wieder da bin.